Reiseziele, die wie Online-Dates sind: Island

Als ich ein Teenager war, wünschte ich mich oft an einen cooleren, besseren Ort: nach Island. Da wäre die wilde, unberührte Natur, viel Ruhe für mich selbst und sicher ganz großartige, nette Menschen. Vor ein paar Tagen bin ich aus einem Kurzurlaub in Islands Hauptstadt Reykjavik zurückgekehrt. Ich kann berichten: Manche Reiseziele sind wie Online-Dates. Man sollte sie so schnell wie möglich besuchen, sonst baut man Erwartungen auf, denen nichts und niemand gerecht werden kann. Damit euch nicht passiert, hab ich meine fünf größten Erwartungen an einen Islandurlaub einem Realitätscheck unterzogen.

  1. Das Wetter

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    Nicht jeder sieht aus wie eine Schneekönigin.

    Erwartung: Es wird frisch und kühl sein. Statt zu schwitzen wie ein Schwein, werde ich edel und rosig durch die Natur schreiten.
    Tatsache: Der Wind bläst die ganze Zeit. Immer. Aus allen Richtungen. Man sieht wenig edel und rosig aus, wenn man ständig beschäftigt ist, sich die Haare aus dem Mund zu friemeln. Außerdem wechselt das Wetter sehr häufig, was zur Folge hat, dass man gefühlt ständig damit beschäftigt ist, sich aus seiner wenig schmeichelhaften Funktionskleidung zu schälen oder seinen Kopf tiefer in seiner wenig schmeichelhaften, aber sehr warmen Funktionsjacke zu vergraben.

  2. Das Essengehen

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    Island. Wo Hummersuppe vergleichsweise günstig ist.

    Erwartung: Fermentierter Hai, komischer Käse: Darauf verzichte ich gern. Und klar, die Insel wird teuer sein, auswärts Essen also eher ein kleiner Luxus. Aber wie teuer kann ein Stück Kuchen schon sein?
    Tatsache: Ein Stück Kuchen kann bis zu fünfzehn Euro kosten, wenn man an den Touristenhotspots rumhängt (danke, Bustour!). Aber keine Sorge, es geht auch billiger: läppische neun Euro bezahlt man in kleineren Cafés abseits der Haupttouristenpfade. Verhungert bin ich trotzdem nicht. Ich war vergleichsweise „günstig“ Fisch essen bei Verbúð 11: Rund dreißig Euro kostet ein riesiger Lachsspieß und hausgemachte Hummersuppe. Überrascht war ich auch, dass das Bier dort „nur“ rund acht Euro gekostet hat.

  3. Die Natur

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    Die Natur will euer Geld gar nicht.

    Erwartung: Eine Naturschauspiel jagt das nächste. Geysire, Lavagestein, Nordlichter: Island wird mich 24/7 mit seiner tollen Natur flashen.
    Tatsache: Die Natur ist unglaublich schön, aber karger, härter und rauer als ich erwartet hatte. Faszinierend ist aber, dass man anfangs glaubt, Ebenen und Täler würden sich ewig ziehen, um dann festzustellen, dass hinter der nächsten Kurve eine ganz andere Landschaft wartet. Islands Natur hat mich nicht enttäuscht, sondern mich vielmehr mit ihrer Vielfältigkeit und Wildheit überrascht.

  4. Die heißen Quellen

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    Fotoverbot im Thermalbad. Deshalb ein Foto der Ferienwohnungskatze.

    Erwartung: Ich hasse Thermen, weil ich das Gefühl habe, für viel Geld in warmem Wasser wie ein Würstl zu sitzen. Außerdem ist die berühmte „Blue Lagoon“ eine Touristenfalle, der ich (danke, Bustour!) entgehen wollte.
    Tatsache: Ich war in einem städtischen Thermalbad neben meiner Ferienwohnung, und obwohl ich eigentlich keine Lust hatte, bei fünf Grad draußen zu schwimmen, muss ich gestehen: Das war das Highlight meiner Reise. Erstens hat es sich herausgestellt, dass ich es liebe, wie ein Würstl in warmem Wasser zu sitzen. Ich war so entspannt wie seit langem nicht mehr. Zweitens liebe ich es, dass es weniger Fleischbeschau wie oft am Meer und Freibad ist, sondern eher Grätzl-/Kiez-Treff, bei dem offensichtlich getratscht und gelacht wird. Selbst Tage nach dem Städtetrip denke ich oft an den schönen Vormittag im Thermalbad und wünsche mir, sowas neben meiner Wohnung zu haben.

  5. Die Stadt

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    Hashtag Real Beauty Needs No Filters.

    ErwartungEin Städtchen, das mit nordischer Architektur und malerischer Natur aufwartet. Kleine Cafés und ausgefallene Läden (es gibt etwa keinen McDonalds oder H&M in Island) komplettieren das Bild der coolen Nordstadt.
    Tatsache: Reykjavik hat knapp 120.000 Einwohner. “Städtchen” trifft es also ganz gut. Nach etwa drei bis vier Tagen hat man wirklich so ziemlich alle Sehenswürdigkeiten gesehen. Die kleinen Cafés sind teuer (siehe Essen), genauso wie die unabhängigen Läden. Statt bummeln und bei Kaffee und Kuchen über das Leben zu sinnieren, ist eher Window Shopping und Eating angesagt. Die Natur ist aber in der Tat sehr malerisch. Vor allem, wenn immer mal wieder hinter Häuserreihen die beeindruckenden Gebirgsreihen aufragen, ist das atemberaubend schön.

Fazit: Wenn euch ein Reiseziel oder Online-Date sympathisch ist: Nix wie hin. Auch wenn’s nur etwas Kurzes für’s Wochenende ist, ist man danach zwar um ein paar Illusionen ärmer, aber um viele Erfahrungen reicher.

Bonus-Erkenntnis, die sich nicht auf Island beschränkt: Bus-Touren

Erwartung: Ich werde gemütlich im Bus sitzen und die Aussicht genießen. Die Zwischenstopps an wichtigen Sehenswürdigkeiten werden einen kleinen Einblick in das Leben auf der Insel gewähren.
Tatsache: Als Sartre geschrieben hat: „Die Hölle, das sind die anderen“, hat er wohl eine Bustour in Island gemacht. Ich wusste nicht, dass ich mir wildfremde Menschen so schnell hassen würden könnte, aber doch, es ist durchaus möglich. Alles, was man dazu braucht, sind acht Stunden Zeit, einen Reiseführer, der die gesamte Busfahrt über plappert und 1,5 Stunden Aufenthalt an Orten, an denen es gereicht hätte, sich fünf Minuten die Beine zu vertreten. Mischt man das noch mit Eigenwilligkeiten der Mitreisenden, die jeder Mensch so hat, ist eines ganz sicher: NIE WIEDER BUSTOUREN.

3 Kommentare zu „Reiseziele, die wie Online-Dates sind: Island

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