Familienfeiern: Vom Fuck Up zum Power Up

Euch graut vor den Weihnachtsfeiertagen? Eure Familie versteht euch nicht, ständig werdet ihr kritisiert? Willkommen im Klub. Warum sich hinter mancher Kritik ein „Ich sorge mich“ versteckt, ihr in den kleinen Gesten manchmal die größten Gemeinsamkeiten finden könnt und meine Oma hippe Snacks kannte, bevor sie cool waren.

Hinweis: Ich habe das große Glück, dass meine Familie und ich uns im Grunde gut verstehen. Darauf basieren die Erzählungen in diesem Text. Ich bin mir bewusst, dass nicht jeder dieses Glück und die Möglichkeit hat, Weihnachten mit seiner Familie zu verbringen.

Ich freue mich auf Weihnachten.

Zum einen: Ich habe am 24. Dezember Geburtstag. Zum anderen: Ich freue mich darauf meine engsten Familienmitglieder, aber auch meine entfernte Verwandtschaft, wiederzusehen.

Zu Weihnachten kommen nämlich all meine Verwandten und Bekannten aus aller Herren Länder angereist. Während ich den Rest des Jahres mit Menschen verbringe, deren Gesellschaft ich mir aussuchen kann, bin ich zu Weihnachten mit Menschen zusammen, deren manchmal einzige Gemeinsamkeit mit mir ist, dass unsere (Groß-)Eltern im selben kroatischen Vorort leben.

Als ich jünger war, habe ich darüber viel gejammert. Die verstehen mich doch alle nicht. Keiner von denen fühlt das, was ich fühle. Die kritisieren mich doch nur.

Ich war als Teenager ein ziemlich egozentrisches Arschloch.

Zunächst: Die verstehen mich nur dann nicht, wenn ich mich hinter Fachausdrücken meiner Arbeit verstecke. Öffnungsraten, Tweet-Reichweiten, Aufenthaltsdauern: Zu Weihnachten muss ich mich nackig machen und all die Fachbegriffe ablegen, hinter deren (vermeintlichem) Glanz man ich mich normalerweise verstecken kann. Das macht mich verletzlich, zwingt es mich doch zu erkennen, dass das mein Leben nicht nach Kennzahlen bewertet werden kann.

Lasse ich das hinter mir, sehe ich, dass ich viele Gefühle und Einstellungen mit den Anwesenden teile. Das merke ich zwar nicht an den großen Erfolgsgeschichten, die beim Kaffee ausgetauscht werden. Eher in den kleinen Momenten. Wenn eine Tante immer die Hände über ihrem Bauch verschränkt, weil sie das Gefühl hat, zu dick zu sein. Wenn man hört, wie viel Angst einige vor politischen Veränderungen haben. Wenn wir uns erzählen, wie schwer es ist, einen guten Kartoffelstrudel in unseren jeweiligen Wohnorten zu bekommen.

Das klingt nach einem großen gemütlichen Zusammensitzen, bei dem wir uns alle erzählen, wie toll wir sind. Lasst euch davon nicht täuschen. Es werden durchaus Sticheleien und spitze Bemerkungen über das Leben und die Entscheidungen der Anwesenden ausgeteilt. Vor allem über das Aussehen. In den letzten Jahren habe ich aber einen etwas anderen Blick auf diese „Kritik“ gewonnen.

Zum einen ist mir klar geworden, dass viele dieser Menschen mich nur einmal jährlich sehen. Höchstwahrscheinlich können sie sich an mein Gebrabbel vom letzten Jahr nicht erinnern. Wenn wir uns dann wiedersehen, ist genau das das einzige, was ihnen als Gesprächsthema bleibt: Mein Aussehen.

Das Sprechen darüber wirkt für mich oft übergriffig und boshaft, ist aber oft wohl einfach ein sehr seltsamer Versuch ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden. Getreu dem Motto „Dieses junge Gemüse ist doch ständig auf Diät, da kann man immer drüber sprechen!

Manchmal, gerade bei Verwandten, die mich kennen, seitdem ich ein kleines Kind war, ist es aber schlichtweg Sorge, die ihren Weg nicht über Worte wie „Ich liebe dich“ oder „Ich mache mir Sorgen um dich“ findet, sondern über „Du siehst so dünn/dick/blass/müde aus!“.

Ein besonders beliebtes Thema, das in den letzten Jahren immer wieder aufkocht, ist die Frage nach Heirat und Partnerschaft. Besonders interessiert zeigt sich dabei meine Oma. Eine Frau, die als Gastarbeiterin in Deutschland war, als Frauen in der Schweiz noch nicht mal in allen Kantonen Wahlrecht hatten.

Meine Großmutter erzählt oft von ihrem Leben in Deutschland. Dass sie oft tanzen gewesen ist in dieser Zeit. Dass sie am Fließband großartige Freundschaften geschlossen hat.

Ihre Lieblingsgeschichte ist die, wie sie und ihre internationale Freundinnenschar sich immer zum Mittagessen verabredet und dort ihre mitgebrachten Speisen miteinander ausgetauscht hatten. Wenn ich von meinen neuesten kulinarischen Abenteuern aus Berlin erzähle, passiert es oft, dass meine Oma das ein oder andere schon in ihrer Mittagspause in einer Werkzeugfabrik probiert hatte.

Meine Oma fragt mich seit ein paar Jahren oft, ob ich einen Freund habe und ob ich einsam bin. Heute glaube ich nicht mehr, dass sie das fragt, um mich zu kritisieren oder mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich erkenne eher immer mehr, dass die glücklichen Deutschlandtage meiner Oma wohl nicht immer nur voll von geteilter Zeit mit ihren Lieben waren.

Das Weihnachtsfest mit meiner (entfernten) Familie holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht, weil meine Familie nur aus Losern besteht, die mir zeigen, wie toll mein eigenes Leben ist. Sondern eher, weil das Zusammensein mit diesen Menschen mir zeigt, dass Lebensentwürfe nicht besser oder schlechter sind.

Es ist kein Wettbewerb, bei dem die mehr Punkte bekommen, die Kinder haben, oder eine tolle Karriere. Wir spielen nicht in verschiedenen Ligen. Eher scheint es mir so, dass wir nicht mal dasselbe Spiel spielen. Und das ist es, worauf ich mich mittlerweile freue: Ein paar Tage mit Spielern anderer Spiele zu verbringen und zu sehen, dass meine Anstrengungen und meine Kämpfe für bestimmte Erfolge nicht sinnlos sind, aber auch nicht das ultimative Ziel im Leben.

Ein Kommentar zu „Familienfeiern: Vom Fuck Up zum Power Up

  1. Genauso fühlt sich Weihnachten an. Wie Verwandte, die auf ihre eigene, manchmal verquere Art, ausdrücken, dass du ihnen wichtig bist. Toller Text.

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