Deine Mama ist wie Political Correctness

Politisch korrekt zu sein ist uncool. Es sorgt dafür, dass wir nicht mehr sagen dürfen, was wir denken. Es macht unsere Sprache hässlich und ist super kompliziert. Dazu kann ich nur sagen: Bullshit. Politische Korrektheit ist eher wie deine Mutter: Sie nörgelt herum und ihre Regeln nerven manchmal, aber am Ende sorgt sie dafür, dass du kein Arschloch bist.

Es gibt ein Wort, dass mir kalte Schauer über den Rücken laufen und meinen Magen zu einem Eisklumpen werden lässt: Jugo.

Jetzt werden manche sagen: „Aber das ist doch nur die Abkürzung für „Jugoslawe“ und das ist doch nichts schlimmes!“. Als ich aufgewachsen bin, war Jugo eine Beleidigung, die mir öfter auf Spielplätzen nachgerufen wurde und heute noch manchmal als Schimpfwort benutzt wird, wenn jemand Probleme mit meinen Eltern hat. Mich als Jugo zu bezeichnen ist für mich also mehr eine Beleidigung, weniger eine Beschreibung meiner Herkunft.

Wenn ich Menschen darauf hinweise, dass ich dieses Wort nicht mag, sind die Reaktionen gemischt: Manche sagen: „Kein Ding, wenn es dir unangenehm ist, verwende ich es nicht.“. Andere wiederum fassen die Worte: „Ich mag das Wort ‚Jugo‘ nicht.“, als Angriff auf.

„Es ist doch nur ein Wort.“

„Mein Vater/Meine Jugo-Freunde verwendet das Wort doch auch.“

„Heutzutage darf man doch gar nichts mehr sagen!“

Es ist nicht nur ein Wort. Hinter Wörtern wie diesen stehen Geschichten. Etwa Geschichten aus einer Zeit, als meine Eltern bei der Wohnungssuche immer zuerst jene Annoncen verwerfen mussten, die Wohnungen „nur an Einheimische“ vermieteten.

Und was dein Vater macht, ist deines Vaters Sache. Und was deine Freunde machen ist deren Sache. Als ich nämlich das letzte Mal nachgesehen habe, gab es noch keinen Sprecher der Ex-Jugoslawen. Außerdem ist es etwas anderes, wenn ein Betroffener ein Wort verwendet. Denkt es euch so: Du nennst deine Mutter Mama. Würde ich deine Mutter Mama nennen, wäre das merkwürdig.

Und politische Korrektheit? Ich bin ganz im Team Political Correctness. Zum einen finde ich, dass politische Korrektheit genau das oft ist: Richtig. Sitzen etwa in einem Kurs 15 Frauen, sind es eben Teilnehmerinnen und keine Teilnehmer.

Zum anderen ist politische Korrektheit aber auch das Sichtbarmachen von Minderheiten. Wir kennen alle dieses Rätsel, mit dem Autounfall von Vater und Sohn. Der Vater stirbt am Unfallort, der Sohn kommt ins Krankenhaus. Dort sieht der Arzt den Patienten und sagt: „Kann ich nicht behandeln, ist mein Sohn!“. Und alle sagen: „Aber sein Vater ist doch tot!“ und die Trickfrage ist: „Lügt der Arzt?“. Plot-Twist: Tut er nicht, es ist eine Ärztin und „Gendern“ ist die (leider oft noch bitter nötige) Sichtbarmachung von Frauen in der deutschen Sprache.

Hier wird es aber auch in meiner Argumentation etwas ruckelig. Denn während die sachliche Korrektheit bewiesen werden kann, ist die Sichtbarmachung oft Stoff von Diskussionen. Denn sie schreibt uns vor, wie wir zukünftig zu sprechen haben.

Aber tut sie das wirklich? Gibt es wirklich eine Polizei, die politische Korrektheit durchsetzt und jene watscht, die Jugo sagen? Nein. Gibt es nicht.

Was es gibt, ist ein erhöhtes Bewusstsein dafür, dass Minderheiten existieren, die in unserer Sprache nicht gespiegelt werden. Dieses Bewusstsein führt dazu, dass mal jemand sagt, dass ein Begriff nicht verwendet werden soll, weil er verletzend ist. Vielleicht gibt es hitzige Diskussionen oder sogar einen ausgewachsenen Streit. Aber niemand klopft an deine Tür und bringt dich ins Gefängnis, weil du unbedingt weiter „Jugo“ sagen willst.

Ihr findet, alles was ich hier schreibe ist eine privilegierte Diskussion einer frustrierten Feministin, die wahrscheinlich grün wählt und die auf Grund ihrer Herkunft nie was Falsches sagt?

Als ich ein Teenager war, war das Wort „schwul“ ein Schimpfwort. War etwas sehr blöd, war es schwul. Ich habe das Wort sehr, sehr lange als Synonym für schlecht, mies und deppert verwendet, ohne etwas gegen schwule Menschen gehabt zu haben. Auch als ich schon erwachsener und reifer war und um die Benachteiligung von Homosexuellen wusste, war ich immer noch überzeugt, das Wort „schwul“ als Beleidigung verwenden zu dürfen. Denn ich meinte es ja „nur ironisch“.

Heute schäme ich mich sehr. Denn was mir die Augen geöffnet hat, war, als sich eine Bekannte geoutet hat und mir auf einen Schlag bewusst wurde, wie oft ich vor ihr einen Teil ihrer Persönlichkeit als schlecht, mies und deppert bezeichnet habe. Das, was sie ihre Freundin lieben ließ, habe ich im Zeichen meiner Coolness in den Dreck gezogen.

Und das ist nicht alles. Ich habe noch tausend andere, vielleicht schlimmere Dinge gesagt. Manchmal bewusst. Manchmal unbewusst. In einem perfekten Leben hätte es auch keine „Betroffene“ gebraucht, um mir klar zu machen, dass das, was aus meinem Mund kommt, nicht immer Rosen und Häschen sind.

Aber Perfektion ist auch nicht mein Ziel. Ich versuche stattdessen kleine Gewinne gleich einzufahren. Bestimmte Wörter aus meinem Vokabular zu entfernen geht z.B. erstaunlich einfach, wenn ich mir  nur vorstelle, wie es wäre, wenn eine Person dabei wäre, die selbst einer Minderheit angehört.

Manche Sachen fallen mir aber schwer. Dann tadle ich mich innerlich, wenn ich etwa zu faul bin, in meinen eigenen Texten gendergerecht zu formulieren. Da hilft es nur, dass ich es immer wieder versuche. Auch wenn es mühselig ist. Auch wenn es uncool ist.

Die allerschlimmsten Sachen sind aber die, die mir gar nicht bewusst sind. Wo ich mir im ersten Moment denke: „Das ist doch übertrieben! Kein Mensch kann ernsthaft von mir verlangen, dieses Wort nicht mehr zu benutzen!“. Natürlich wäre es dann leicht gegen politische Korrektheit vom Leder zu ziehen. Aber eigentlich funktioniert es auch ganz gut, einfach mal die Klappe zu halten und das Thema eine Zeit lang mit mir herumzutragen und immer mal wieder darüber nachzudenken. Dann rutscht es vielleicht in die „Probier ich mal aus!“-Zone.

Ihr könnt euch jetzt über diesen Text echauffieren und sagen, das ist alles ein Luxusproblem. Aber ihr könnt euch vielleicht auch mal überlegen, warum euch das Thema politische Korrektheit so aufregt. Wenn es doch so ein Nebenschauplatz ist und wir so viele größere Probleme haben, warum dann nicht gerade diese „Unwichtigkeit“ mal ausprobieren?

Wenn du dann beim nächsten Familienessen zu deinem Onkel sagst: „Schwul ist kein Schimpfwort!“, dann sieht er dich vielleicht komisch an. Aber dein Cousin denkt über seine eigene Wortwahl nach. Oder fühlt sich vielleicht geliebt für das, was er ist.

3 Kommentare zu „Deine Mama ist wie Political Correctness

    1. Hei Lukas, der Mama-Vergleich bezog sich eher darauf, dass es einen Unterschied macht, ob man einer Gruppe zugehörig ist, wenn man bestimmte Begriffe benutzt. Oder verstehe ich deinen Kommentar falsch?

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