Warum nichts fühlen schlechter war als mich mies fühlen

Wer sich jetzt denkt „Mimimi – schon wieder so ein Gefühlsscheiß von irgendeiner Alten“ hat recht und sollte lieber den „Welcher Gilmore Girls Charakter bin ich?“-Test auf Buzzfeed machen (Paris 4ever). Für alle anderen: Der Sinn dieses Texts ist es, zu erzählen, was ich (nicht) gefühlt habe. Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder und fühlt sich verstanden. Oder findet sogar ein wenig Hilfe darin. Social Media quasi.

„Ich will nie wieder etwas fühlen!“ –hat sich wahrscheinlich jeder schon mal bei richtig miesem Liebeskummer gedacht. Was passiert aber, wenn man dann mehr oder weniger absichtlich wirklich nichts mehr fühlt? Sind keine Gefühle besser, als schlechte? Das habe ich im Selbstexperiment mal ausprobiert ohne es wirklich zu merken. Aber alles von Anfang:

Vor bald drei Jahren hatte ich ein gebrochenes Herz. Nachdem es recht schnell recht ernst geworden war, hatte mein damaliger Freund sehr überraschend mit mir Schluss gemacht. Zu nah, zu schnell – zu viel für ihn.

Ich lag von da an in meinem großen Couchsessel und weinte viel. Ab und zu setzte sich mein Mitbewohner dazu. Dann spie ich für Tage und Wochen immer wieder dieselben Sätze aus: „Ich hatte ihn wirklich gern.“ und „Ich habe mit ihm über meine Gefühle gesprochen!“.

Das war nicht meine erste große Liebe, mein Herz war schon vor diesem Mal gebrochen worden. Aber an dieses eine Mal erinnere ich mich besonders genau, weil ich meinen Mitmenschen – unbewusst – danach noch weniger über mich selbst erzählte, als vorher schon.

Es war dennoch keineswegs so, dass ich ein stiller oder zurückgezogener Mensch geworden wäre.

Ich sagte einfach noch seltener, was ich dachte, oder was mich beschäftigte. Stattdessen versteckte ich mich hinter Hülsen und Wendungen, die in meinem Kopf, der beruflich seit Jahren auf PR und Marketing getrimmt war, „gut“ und „richtig“ klangen und schoss sicherheitshalber noch ein Lächeln nach, damit niemand glaubte, ich wäre nicht glücklich.

Es war aber gar nicht oft so, dass ich oft in Deckung hätte gehen müssen. Die meisten Menschen erzählen lieber von sich statt großartig am Gegenüber interessiert zu sein.

Also lässt man sie erzählen. Sollte jemand irgendwann doch die schlimmste aller Fragen stellen („Was machst du immer so?“), dann einfach „Ich mache viel mit Freunden. Eigentlich bin ich immer unterwegs.“ sagen. Für euch getestet: Da fragt keiner mehr groß nach, weil jeder ein bestimmtes Bild im Kopf zu haben scheint, was das genau bedeutet.

Meine Zurückgezogenheit zeigte sich aber nicht nur anderen gegenüber. Ich entzog mich nicht nur meinen Mitmenschen. Ich entkoppelte mich auch von mir selbst und meinen Gefühlen.

Würde man meine Gefühle während dieser Zeit anhand einer zehnstufigen Skala bewerten, wobei 1 für traurig und 10 für glücklich stünde, war ich konstant eine 5. Ich war selten sehr wütend, aber auch nie besonders glücklich. Meistens war ich gelassen und gleichgültig.

Denn ich war weniger „Zen“ als „Unbeeindruckt“. Egal was mir passierte, ich hatte das Gefühl, es so oder besser schon gesehen zu haben. Nichts vermochte mich zu schockieren, weder im positiven noch im negativen Sinn.

Es entstand ein Teufelskreis: Weil mich nichts so richtig einnehmen oder begeistern konnte, hatte ich gleichzeitig noch mehr Bedenken, mit jemandem ehrlich zu sprechen. Was, wenn ich denjenigen langweilte? Was, wenn meine Probleme und somit ich in den Augen dieser Person auch nur bestenfalls eine 5 waren?

Ich habe fast drei Jahre so gelebt. Ich würde jetzt gerne auflösen und sagen: „Hier sind fünf Dinge, die ich tun musste, um diesen Sumpf aus Gleichgültigkeit zu verlassen“. Aber so war es nicht.

Irgendwann merkte ich, dass Menschen, die ich liebte, nicht mehr an mich rankamen. Dass Freunde, mit denen ich stets sprechen konnte, plötzlich stumm neben mir saßen, weil ich ihnen alles an Informationen über mich entzogen hatte.

Es gab leider keinen Trick. Kein Gimmick. Kein 7-Punkte-Programm. Nichts, was mich ihnen sofort näher gebracht hat.

Mein persönliches Gegenmittel war Reden. Keine schockierenden Geständnisse, kein in den Armen liegen und heulen. Eher nur meine Gedanken teilen. Mit meinen Freunden, mit meiner Familie. Und nun eben auch mit dem Internet.

Ich habe absichtlich im ganzen Text die Klischeemetapher vom „Mauern um sich selbst bauen“ vermieden. Aber zum Schluss kann ich doch nicht widerstehen: Meine Hoffnung ist, dass ich durch das Teilen meiner Gefühle diese Mauer etwas abtragen kann. Dass jede kleine Information über mich selbst und meine Gefühle wie ein Stück dieser Mauer ist. Wenn ich kleine Teile davon wohlgesinnten Menschen mitgebe, können sie vielleicht was damit anfangen. Im besten Fall ist da draußen jemand, dem es so geht wie es mir lange Zeit gegangen ist. Dann hilft dieser Text vielleicht ein wenig.

Wahrscheinlich werde ich nie ein Mensch sein, der offen und vertrauensvoll auf seine Mitmenschen zugeht. Aber ich hoffe, dass ich ein Mensch werden kann, der ehrlich über sich selbst sprechen kann, ohne sich hinter Phrasen oder einem Lächeln zu verstecken.

5 Kommentare zu „Warum nichts fühlen schlechter war als mich mies fühlen

  1. Ich hatte aufgrund einer Schilddrüsenerkrankung und den dazugehörigen Medikamenten ebenfalls eine Zeitlang diese Gefühlsneutralität, und stimme dir vollends zu, wie furchtbar das ist. Ich will nicht sagen, das der Sinn des Lebens ist, zu fühlen, hauptsächlich weil ich Sätze, die mit „Der Sinn des Lebens ist“ beginnen für verallgemeinernden Blödsinn halte, aber: Ein Leben ohne Gefühle erscheint mir sinnlos.

    Props von mir fürs Schreiben dieses Texts. Es ist blöde, dass man immer noch das Gefühl hat, sich angreifbar zu machen, wenn man über seine Gefühle (oder deren Fehlen) schreibt, umso besser, wenn man den Mut dazu aufbringt.

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    1. Vielen Dank! Der Text lag sehr lange herum und ich hatte viele Diskussionen (mit mir selbst) ob ich ihn veröffentlichen möchte oder nicht. Ironisch, wenn man man das Thema bedenkt.

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  2. Auch wenn dein Beitrag – als Freund/in – traurig ist zu lesen, kann ich nur sagen: Daumen hoch für deine Offenheit. Das ist sicher der richtige Schritt hinaus aus der Gleichgültigkeit. Das mit dem Reden kann ich gut nachvollziehen. Was du auf alle Fälle ausblenden kannst ist das Gefühlt, dass du andere Leute damit nervst. 1. Dass du dir darüber Gedanken machst, zeigt schon wie respektvoll du im Umgang mit anderen Menschen bist und 2. Wenn jemanden deine Geschichte nicht interessiert, ist er/sie kein richtiger Freund. 3. Wäre er/sie ein richtiger Freund, würde er/sie dich rechtzeitig stoppen. Du bist ein ganz großartiger Mensch, Ana!

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